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Karriere   Haben Frauen Höhenangst?
03.06.2005 von Lisa-Maerz

Frauen haben Höhenangst

Quelle: http://www.zeit.de

Sind es die bösen Männer� Oder wollen die Frauen einfach nicht?
Die meisten Managerinnen brechen ihre Karriere ab, bevor sie ganz oben ankommen


Von Tanja Busse


Seit Sonja Kämpfer Chefin wurde, ist sie allein unter Männern. Mit 28 führte sie ihr erstes Team im Personalbereich eines Konzerns, und nur zwei Jahre später war sie Personalleiterin einer neu gegründeten Tochtergesellschaft mit 1800 Mitarbeitern. »Dass man dafür normalerweise älter ist, habe ich erst später mitgekriegt, bei einem Treffen von Personalleitern unserer Branche. Da saß ich plötzlich zwischen lauter Männern Mitte 40.«

Dann geriet sie in den Managerrausch � oder in den »Strudel«, wie sie heute sagt: Sie musste die Personalabteilung der neuen Gesellschaft aufbauen. Von Montag früh bis Freitagnacht flog sie von einem der drei Standorte zum nächsten, konzipierte Personalstrategien, entwarf Arbeitsverträge und koordinierte die Einstellung von 250 neuen Mitarbeitern pro Jahr. Ihre Ehe fand am Wochenende statt, und alles andere geriet in Vergessenheit. Ihr Leben war der Job, aber das war ein gutes Gefühl.

Damals fand Sonja Kämpfer zu einem Frauennetzwerk: Zehn erfolgreiche Chefinnen aus der Personalbranche hatten sich zusammengetan, um Fachfragen zu diskutieren. Über die Position in den Unternehmen sollte geredet werden und über Frauenförderung, doch irgendwann kam das Gespräch immer auf die Karriere und was es sonst noch geben könnte im Leben. Ihr Netz war das Gegenstück zum klassischen Männerbund � und ein voller Misserfolg. Nach eineinhalb Jahren löste es sich auf, weil sämtliche zehn Frauen ihren Erfolgsjob geschmissen hatten. Eine arbeitet heute als Lehrerin, eine assistierte zwischenzeitlich bei einer Filmproduktion und kümmert sich jetzt um eine kommunale Kulturinitiative, die Übrigen haben sich als Beraterinnen selbstständig gemacht. Und Sonja Kämpfer hat ein Baby bekommen und Elternzeit beantragt.

Seit von Gleichberechtigung die Rede ist, wird beklagt, dass in Deutschland zu wenig Frauen Führungspositionen innehaben. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin hat es gerade bestätigt, was lange bekannt ist: In der gesamten Wirtschaft herrsche eine »gravierende Unterrepräsentanz« von Frauen im Management, und »in den 87 nach Beschäftigungszahlen größten Unternehmen der Old Economy nahmen Frauen nur ein Prozent der Sitze im Vorstand ein.«

Wenn gerätselt wird, wie dieser Mangel zu beheben ist, fällt reflexartig das Stichwort »Chancengleichheit« � wie in einer Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Spitzenverbänden der Wirtschaft aus dem Jahr 2001. Die Frau als Opfer einer männlich dominierten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird um ihre Chancen betrogen: Diese Sicht hat sich in den Köpfen so festgesetzt, dass Männern wie Frauen zum Thema lange Zeit nichts anderes mehr einfiel. Wenn ein Mann zum Chef ernannt wurde, war die Entscheidung, so die gängige Lesart, immer auf der Herrentoilette gefallen. Und wenn eine Frau es nicht nach oben geschafft hatte, gab es immer einen Mann, der sie daran gehindert hatte.

Stimmt das?

»Ich arbeite nicht, um Hierarchiestufen zu erklimmen«

»Dass ich da bin, wo ich heute bin, habe ich mir zu verdanken und Männern«, sagt Marina Stadler-Bodi, promovierte Germanistin und Geschäftsführerin der Unilever-Tochter Lever Fabergé. »Ich hatte nur männliche Chefs, die mich alle sehr gut beurteilt haben, obwohl sie riskierten, dass ich sie überholte � trotzdem haben sie meine Karriere ermöglicht.« Wie die meisten Frauen spricht sie von Männern als Förderern und nicht als Gegnern, und wie viele andere beschreibt sie ihre Karriere als eine Art Paarlauf mit dem Ehemann: »Mein Mann und ich haben uns als Trainees kennen gelernt und gemeinsam Karriere gemacht, mal ist zuerst er weitergekommen, dann wieder ich.« Ihren Job empfindet sie trotz der 13-Stunden-Tage »unterm Summenstrich als lustvoll«. Andere sagen: »Karriere ist sexy.«

Die Chefetagen der deutschen Wirtschaft sind nicht länger Orte, an denen Frauen am Frausein leiden. Fragt man die Managerinnen während der ersten Berufsjahre, ob das Geschlecht ein Thema für sie sei, verneinen sie entschieden. Feminismus ist kein Konzept, mit dem sie abgeschlossen hätten, er ist vielen Jüngeren nur nie begegnet. In den postfeministischen Neunzigern konnte man Betriebswirtschaft studieren, ohne je auf eine bekennende Feministin zu treffen oder das Wort gender zu hören. Eine neue Normalität schien die Rolle der Frau und das Verhältnis der Geschlechter zu prägen.

Auch die Bildungserfolge sprechen für die Frauen: Längst verlassen sie die Hochschulen mit den besseren Abschlüssen. Obwohl sie in den klassischen Karrierefächern der Ingenieur-, Wirtschafts- und Naturwissenschaften ein Viertel der Absolventen stellen, erreichen sie in den Assessment-Centern der Unternehmen die besseren Bewertungen. Immer mehr Frauen bekommen gute Einstiegsjobs im Management, bewähren sich in den ersten Berufsjahren � und haben Spaß daran. Und dann gehen sie wie Sonja Kämpfer irgendwo auf dem Weg nach oben verloren. Doch wenn dies nicht oder nicht allein an den Männern liegt, woran dann? Was geschieht da in den Köpfen?

»Als mein Team aufgebaut war und alles lief, da war der ganz große Reiz vorbei«, sagt Sonja Kämpfer. »Ich bin nicht der Typ, der arbeitet, um Hierarchiestufen zu erklimmen.« Viele der jungen Managerinnen geben an, sie hätten inhaltlich arbeiten wollen und seien nebenbei aufgestiegen, ohne dass sie es hätten verhindern können. Fast sieht es so aus, als planten diese Frauen ihre Karriere nicht, als widerfahre sie ihnen. »Hätte ich geahnt, dass ich so erfolgreich werden würde, hätte ich Vertrieb oder Marketing machen müssen«, erzählt eine Managerin � und steht mit diesem Staunen über ihre anfängliche Naivität nicht allein. Rückblickend erinnern sich viele an Männer, die im Anzug zur Uni kamen und schon im ersten Semester wussten, dass sie Geschäftsführer werden würden. Als Studentinnen haben sie darüber gelächelt und erst später verstanden, dass dieses Gehabe sehr wohl Wirkung gezeigt hat.

Die Wirtschaftsforscherin Sonja Bischoff untersucht seit fast 20 Jahren Berufswege von Frauen im mittleren Management und hat die geringere Karriereneigung der Frauen immer wieder bestätigt gefunden: Bisher galt die Regel, dass Frauen seltener aufsteigen wollten als Männer � je höher ihre Position, desto weniger wollen sie noch höher. Bei Männern ist es genau umgekehrt: Je weiter sie sind, desto öfter wollen sie noch mehr. In Bischoffs aktueller Studie hat sie aber auch eine neue Entwicklung beobachtet: Wenn die Kohle stimmt, sind auch die Frauen dabei. Mit höherem Einkommen nimmt der Anteil der karrierewilligen Frauen zu. »Wenn Frauen während ihres Aufstiegs positive Erfahrungen machen, wenn sie ebenso viel Geld wie ihre männlichen Kollegen verdienen, dann wollen sie auch weiter nach oben.« Trotzdem: 45 Prozent der Frauen würden am liebsten in Teilzeit arbeiten, was die Wirtschaftsprofessorin »geradezu erschreckend« findet. Ihr Eindruck: Bis auf wenige sehr erfolgreiche Karrierefrauen ziehen sich die Frauen weiterhin zurück.

»Wenn Frauen nicht aufsteigen, liegt es daran, dass positive Vorbilder fehlen«, sagt Ann-Kristin Achleitner, Professorin für Entrepreneurial Finance in München und eine der Vorzeigefrauen in der Welt der Wirtschaft. »Wenn sie aber aufsteigen, verändern sie auch die Männer«, sagt Marina Stadler-Bodi von Lever Fabergé. »Die Frauen lehren sie zuzuhören, sachorientiert zu diskutieren und dabei gleichzeitig Beziehungsaspekte zu berücksichtigen. Und Frauen lernen umgekehrt von den Männern, nicht zu selbstkritisch zu sein, nicht von jedem geliebt werden zu wollen und sich in Hierarchien resolut zu positionieren.«

Benehmen Frauen sich »saublöd«, wenn sie sich selbst entsorgen?

Doch diese Synergien brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. »Ich habe es jahrelang abgelehnt, mich in der Rolle meines Chefs zu sehen«, sagt eine, die inzwischen just diese Rolle übernommen hat und als Personalleiterin in der deutschen Tochter eines amerikanischen Lebensmittelkonzerns arbeitet. Ihren Namen will sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Offen spricht sie über Unterschiede bei Frauen und Männern, wenn es um das Selbstverständnis der eigenen Arbeit geht. »Mein Tag ist davon geprägt, konkrete Ergebnisse zu erzielen, und abends habe ich das Gefühl, etwas erreicht zu haben«, sagt die Personalleiterin. »Mein Chef macht dagegen mehr politische Arbeit, lotet aus, was konsensfähig ist. Das liegt mir nicht so. Es gibt auch nicht so viele Frauen, die diese Art von Arbeit machen wollen.« Auch sie glaubt, dass Frauen früher als Männer begännen, sich über den Sinn ihrer Karriere Gedanken zu machen. Während der ersten zehn Berufsjahre habe sie sich selbst am Erfolg berauscht: Wie eine positive Betäubung sei es gewesen, immer mehr und immer besser zu arbeiten. »Man baut sich materiell eine Menge auf und hat kein Verlustgefühl.«

Doch jetzt, im Moment einer kleinen Atempause auf dem Weg zur Spitze, klingen in ihr Fragen an, deren Antwort sie nicht kennt, die sie gleichwohl irritieren: Wo stehe ich, welche Perspektiven habe ich? Und was ist der Sinn dieser Karriere? Sie weiß nicht, ob Männer sich das nicht fragen oder nur nicht darüber reden. Aber sie ahnt, dass die Frage nach ihrem Anteil am Erfolg des amerikanischen Lebensmittelmultis nicht für ein ganzes Leben reicht � vom Grab aus gesehen. Doch diese Frage, die weniger einseitig lebenden Menschen banal erscheinen muss (natürlich gibt es ein Leben jenseits der Firma), entscheidet im Management über den Aufstieg. Wer ganz nach oben will, darf nichts anderes im Kopf haben. Und offenbar entscheiden sich mehr Frauen als Männer gegen diese Eindimensionalität des Lebens.

Genau solche Entscheidungen aber ließen Barbara Bierach, Autorin des Buches Das dämliche Geschlecht, den Vorwurf erheben, dass Frauen sich in Karrierefragen »saublöd« benähmen und sich schneller und gründlicher selber erledigten, als Männer das je könnten. Ihre Kritik am Rückzug vieler erfolgreicher Akademikerinnen klingt indes selbst eindimensional. Wer auf Macht und eine Karriere um der Karriere willen verzichtet, kann auch gute Gründe dafür haben.

Wenn Managerinnen Mitte 30 die Frage nach Sinn und Ziel ihrer Karriere stellen, drängt sich ihnen ein Thema auf, das sich zwischen Meeting und Business-Lounge bis dahin bestens verdrängen ließ: die Kinderfrage. Dass eine Frau nicht notwendigerweise aus ihrem alten Leben herauskatapultiert werden muss, sobald sie Kinder bekommt, und dass eine arbeitende Mutter entgegen der landläufigen Meinung der historische Normalfall ist, muss in Deutschland immer wieder neu erklärt werden. Konservative Zeitungen arbeiten sich noch immer am Bild der steuerrechtlich subventionierten Mittelschichtsmutter und der Nonstopbetreuung ihres Kindes ab. Und die Wirtschaft scheint noch reaktionärer zu sein als der Rest des Landes. Im Management ist die Kinderfrage eine Frauenfrage.

Hier gilt die Gleichung: Frauen sind potenzielle Mütter sind potenzielle Hausfrauen. Dass Väter ebenfalls Elternzeit beantragen, liegt nicht im Bereich des Denkbaren, und die wenigen Manager, die dies tatsächlich tun, gelten schnell als Verlierer. Die Kinderfrage wirft die Frauen mit eigenartiger Wucht auf eine Geschlechterrolle zurück, auf die sie oft � nach so vielen Jahren erfahrener Gleichberechtigung � nicht vorbereitet sind. Entsprechend sprudeln die Gedanken über das Thema Frauen und Karriere nur so aus den weiblichen Mitgliedern des mittleren Managements, während den Jobeinsteigerinnen die Dimension dieser Problematik noch nicht bewusst ist.

»Was machen Sie hier? Und wo sind bloß Ihre Kinder?«

Zwar beweisen Umfragen und Studien wie jene von Sonja Bischoff, dass auch Topmanagerinnen Kinder haben können. Doch hilft das den werdenden Müttern kaum weiter: Ihre 60-Stunden-Jobs sind eigentlich für zwei Personen ausgelegt � für einen, der fast immer in der Firma ist, und für die andere, die ihm zu Hause den Rücken freihält. Und jeder, der nach diesem Modell arbeitet, legt die Messlatte für Leute, die arbeiten, sich zugleich aber auch um ihre Kinder kümmern wollen, unerreichbar hoch. Schon Managerpaaren ohne Kinder fehlt Zeit für alles, was neben der Arbeit erledigt werden müsste. Und viele kinderlose Managerinnen erzählen, dass sie mit Kindern nicht da wären, wo sie sind. Sie folgen dem alten Prinzip des Entweder-oder. Andere aber suchen Lösungen zwischen den Extremen, und dies im Wissen, dass jede dieser Lösungen ihren Preis hat.

»Kinder ändern alles«, sagt die Wirtschaftsprofessorin Ann-Kristin Achleitner. Ihre Arbeit hält sie nur deshalb für vereinbar mit ihren drei Kindern, weil sie als Professorin selbst bestimmen kann, wie viel und vor allem wann sie arbeitet. »Vor der Geburt meines ersten Kindes habe ich gearbeitet wie ein Mann«, sagt sie. »Jetzt geht es nicht mehr um das Maximum, sondern um das Optimum.« Der Preis für ihren beruflichen Erfolg sei »ein durchgetaktetes Leben«, ein ständiger Spagat zwischen Arbeit und Kindern. »Das geht nur, weil mir die Arbeit so viel Spaß macht.« Was Frauen in einer solchen Situation am wenigsten brauchen, sagt sie, seien Partner und Kollegen, die diese konzentrierte Arbeitsweise infrage stellten.

»Ich bin froh, dass mit meinen Kindern alles gut läuft. Denn wenn Kinder schwierig sind, bekommt eine arbeitende Mutter das sofort reingewürgt«, sagt Sybille Hartmann, die 1994 als eine der Ersten einen Teilzeitjob im Management des Lebensmittelkonzerns Unilever durchgesetzt hat und sich heute � wiederum als Pionierin � einen Arbeitsplatz mit einer Kollegin teilt. Dass sie als Mutter auf ihren angestammten Job verzichten müsse, war ihr klar gewesen. »Ich wollte nur irgendeinen interessanten Job«, doch selbst das war zu viel für manche Kollegen: »Frau Hartmann, was machen Sie schon wieder hier? Und wo lassen Sie bloß ihre Kinder?« Nach zwölf Jahren Mutterschaft im Management hat sie gelernt, solche Sprüche zu kontern. »Ich kann es nicht mehr hören, wenn beklagt wird, dass so wenig Frauen im Management sind. Es muss heißen: Wieder kein Mann in Elternzeit.«

Wenn Managerinnen mit Kindern nicht aufsteigen, liegt es auch daran, dass sie sich � anders als manche Väter � für mehr als die finanzielle Versorgung ihrer Kinder verantwortlich fühlen. Sonja Kämpfer ging in Elternzeit, weil sie keine Wochenendmutter sein wollte. Vor kurzem hat sie nun ein neues Frauennetzwerk gegründet: In ihrem Forum Human Resources soll es um die Frage gehen, wie man mit alternativen Arbeitsformen erfolgreich sein kann � und darum, wie Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden können.

(c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10



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