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Karriere   Frauen sollten bald wieder in den Beruf
01.07.2005 von Hanuta

Quelle: http://www.hausfrauenbund.de

Ein Gespräch über Rollenbilder und die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit

Professorin Merith Niehuss (49) lehrt Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am Sozialwissenschaftlichen Seminar der Universität der Bundeswehr München. Sie hat sich eingehend mit der Rolle der Frau und der Familie im 20. Jahrhundert beschäftigt. Dem DHB-Magazin verriet sie, warum Frauen nicht zu lange aus dem Erwerbsleben fernbleiben sollten.


Frau Professor Niehuss, kann es sich eine Hausfrau und Mutter heute noch leisten, zu Hause zu bleiben?

Wenn Sie sich die Statistik anschauen, dann wird heute jede dritte Ehe geschieden. Ich würde deshalb jeder Frau raten, die Verbindung zur Arbeitswelt nicht zu lange zu unterbrechen. Ich sage aber auch ganz klar: Wer gerne ein Kind hätte, sollte sich diesen Lebenswunsch erfüllen. Es wäre sicher falsch zu sagen, Frauen bleibt selbstständig, vermeidet jeden Kinderwunsch und schaut, dass ihr im Beruf etwas werdet.

Dennoch darf man den Beruf nicht aus den Augen verlieren?

Das wissen die meisten Frauen auch. Viele achten von Anfang an auf eine gute Ausbildung mit entsprechendem Abschluss. Auf etwas, worauf sie nach der Familienphase wieder aufbauen können. Und dazu rate ich auch. Frauen sollten so bald wie möglich wieder in die Erwerbstätigkeit. Sie sollten versuchen, in Teilzeit zurückzukehren. Wer wartet, bis die Kinder aus dem Haus sind, wird mit seinem erlernten Beruf nicht mehr viel anfangen können.

Ein frommer Wunsch, wenn man sich die Zahl der Teilzeitarbeitsplätze anschaut.

Sie haben Recht. Teilzeitkräfte werden vor allem dann gesucht, wenn es der Wirtschaft gut geht. Das war von Anfang an so. Teilzeitarbeitsplätze wurden nur eingeführt, weil die Industrie in den 60er Jahren zu wenig Arbeitskräfte hatte. Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, wie jetzt, werden Teilzeitarbeitskräfte nur ungern genommen.

Dennoch hat sich in der Arbeitswelt für Frauen in den vergangen 40 Jahren einiges bewegt.

Ganz sicher. Bis in die 70er Jahre haben wir in Deutschland, besser gesagt in der BRD, nach dem Haupternährerprinzip gelebt: Der Mann war Familienernährer und nach ihm richtete sich alles. Die Frau hat sich angepasst. Sie hat Familie und Haushalt versorgt und ist manchmal noch in Teilzeit einer Erwerbstätigkeit nachgegangen. In den 80er Jahren hat sich dies allmählich verändert.

In welcher Beziehung?

Die Ehen wurden immer partnerschaftlicher. Die Frauenbewegung hat hier sehr viel verändert. Es wurde immer normaler, dass Männer mal einkaufen gingen, dass Männer im Haushalt mithalfen. Viele Männer haben auch begriffen, was Doppelbelastung bedeutet. Heute gibt es viele Ehen, in denen beide erwerbstätig sind und sich beide Eltern um Kinder und Haushalt kümmern. Heute sind wir sogar so weit, dass manche Familien überlegen: „Wer verdient mehr, und wen lassen wir im Beruf?“ beziehungsweise „Wer nimmt sich eine Auszeit für das Baby?“

Dennoch ist es hierzulande noch immer nicht leicht, Beruf und Familie zu verbinden.

Das stimmt. Es hängt noch immer sehr stark von den Möglichkeiten der Kinderbetreuung ab. Hier hat sich in den vergangenen 30 Jahren zwar viel getan. Wir haben viel mehr Kindergartenplätze als noch in den 60er oder 70er Jahren. An Ganztagskindergartenplätzen und Krippenplätzen fehlt es vor allem auf dem Land aber immer noch. Wenn ein Kindergarten, wie bei mir im Dorf, von acht bis zwölf Uhr geöffnet hat, dann kann eine Frau noch nicht einmal halbtags erwerbstätig sein.

Haben es Frauen in anderen Ländern leichter?

Nehmen Sie Frankreich: In Frankreich werden die Kinder ab dem fünften Lebensjahr in der Schule von 8 Uhr bis 16.30 Uhr betreut. Außerdem gibt es genügend Krippen und Kindergartenplätze. Die Frauen sind in dieser Zeit freigestellt und können eine Stelle annehmen. Sie können im Alltag Kinder und Erwerbstätigkeit also leichter verbinden, was sicher auch ein Grund dafür ist, dass in Frankreich deutlich mehr Kinder auf die Welt kommen als in Deutschland.

Das galt auch für die DDR.

Das stimmt. Auch in der DDR herrschte eine strikte Befürwortung der Verbindung von Familie und Beruf. Der Staat konnte ohne Frauenarbeit aber auch gar nicht existieren. Noch vor dem Mauerbau haben zu viele junge Männer das Land verlassen. Frauen wurden deshalb in allen Berufen ausgebildet. Und junge Familien bekamen eine Wohnung und einen Krippenplatz in der Nähe des Arbeitsplatzes. Diese Politik hat in der Zeit des Kalten Krieges allerdings auf Westdeutschland zurückgewirkt. Wir bauten in der BRD eine Moral auf, die genau gegenläufig war zur DDR-Moral.

Wie sah die westdeutsche Familienpolitik aus?

Die Familienpolitik hat der Frau nie eine Wahlmöglichkeit eingeräumt. Die Familienpolitik in der Bundesrepublik war einseitig darauf ausgerichtet, die Frau zu Hause zu behalten. Man hätte längst mehr Schülerhortplätze einrichten können. Man hätte längst mehr Ganztagskindergärten bauen können. Man hätte längst die Unternehmen bei Teilzeitarbeitsplätzen mehr in die Pflicht nehmen können. Was bisher erreicht wurde, das sind Erfolge der Frauenbewegung und der Frauen selbst. Von Frauen, die einfach mit Kindern berufstätig sind und ihren Alltag entsprechend organisieren.

Und was sollten die Frauen selbst tun?

Ich denke, die Frauenbewegung hat nicht ausgedient. Sie muss weiter die Politik verändern wollen. Es muss normal werden, dass Frauen Beruf und Familie verbinden. Es muss normal werden, dass Kinder ganztags betreut werden können. Es muss normal sein, dass Politiker diese Forderungen erfüllen. Ich sehe überhaupt keinen anderen Weg.

Das Gespräch führte Karin Birk.


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