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Karriere   Warum Unternehmen weiblichen Nachwuchs fördern
15.08.2005 von netzus

Quelle: www.faz.net Autor: Gundula Achterhold

Es erscheint paradox: Während die Arbeitslosigkeit unter Akademikern zunimmt, werden Hochschulabsolventinnen ganz gezielt umworben. Was steckt hinter dem Trend?

McKinsey-Chef Jürgen Kluge erhebt die Vereinbarkeit von Familie und Karriere zum Standortfaktor ersten Ranges. Die EADS präsentiert in Anzeigenkampagnen ihr weibliches Potential. Und das Fachblatt Physik Journal widmet Physikerinnen einen Schwerpunkt. Die allerorten aufkeimenden Bemühungen um den weiblichen Hochschulnachwuchs entspringen keineswegs dem sozialen Gewissen, sondern wirtschaftlicher Notwendigkeit: Frauen gewinnen als Humankapital an Bedeutung. Auch wenn man es sich kaum vorstellen kann, Deutschland steuert auf einen eklatanten Fach- und Führungskräftemangel zu. Während heute sogar High Potentials auf der Straße stehen, werden auf mittlere Sicht qualifizierte Kräfte fehlen. Dahinter stehen nicht nur der demographische Wandel, sondern auch Qualifizierungstrends in der Gesellschaft. Während wenig qualifizierte Aufgaben abnehmen, werden anspruchsvolle Tätigkeiten immer stärker gefragt sein, prognostiziert das Nürnberger Institut für Arbeits- und Berufsforschung (IAB). Führungsaufgaben, Organisation und Management, Forschung und Entwicklung, Betreuung, Beratung oder Lehre werden bis 2010 voraussichtlich auf einen Anteil von 40 Prozent steigen (1995 waren es rund 35 Prozent). Eine Entwicklung, die auf eine alternde und im Gefolge schrumpfende Bevölkerung trifft. Für qualifizierte Hochschulabsolventinnen heißt das: Ihre Zukunftschancen sehen gut aus. �Ohne stärkere Einbindung der Frauen in den Arbeitsmarkt ist der Mangel programmiert", stellt eine Analyse des IAB fest - verbunden mit der Forderung nach mehr �frauengerechten" Arbeitsplätzen, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.

Man ist versucht, an die �Trümmerfrauen" zu denken: Rekrutiert in einer Notsituation und im Zeichen des Aufschwungs dankend wieder abserviert. Ein ähnliches Phänomen war auch nach der Wende zu beobachten, als im Zuge der Wiedervereinigung in Ostdeutschland weibliche Führungskräfte den massiven Kürzungen als erste zum Opfer fielen. Bahnt sich heute ein struktureller Wandel an, der den Arbeitsmarkt für Akademikerinnen auch langfristig verbessern wird? Jutta Allmendinger, Leiterin des IAB, sieht die Situation verhalten optimistisch. Noch sei keine grundsätzliche Trendwende für Frauen zu erkennen. Eine Branche wie das Consulting, die derzeit besonders intensiv um Frauen wirbt, könnte allerdings wie ein Multiplikator wirken. �Die Unternehmensberatung kennt so gut wie keine Arbeitslosigkeit", so die Professorin. �Um den Bedarf zu decken, bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig als verstärkt Frauen einzustellen." Allmendinger erwartet eine �Kettenreaktion": �Diese hochqualifizierten Frauen werden in zunehmender Zahl Führungsaufgaben übernehmen, Netzwerke bilden und ihrerseits wieder Frauen in leitende Positionen holen." Eine überfällige Trendwende. Frauen in Spitzenpositionen sind in Deutschland nach wie vor Solitäre. Das Karrierenetzwerk European Womens Management Development Network (EWMD) geht von drei Prozent in Top-Jobs und etwa 11 Prozent im mittleren Management aus. Durch und durch männlich strukturierte Hierarchien und Netzwerke sind Karrierebremse Nummer eins.

�Ohne Frauen ist der Mangel programmiert"

Strategien mit Signalwirkung sind nötig, um einen Bewußtseinswandel zu erreichen, der über einzelne Branchen und Unternehmen hinausgeht. Global Player mit amerikanisch geprägter Unternehmenskultur wie IBM oder Hewlett Packard gelten in Deutschland seit Jahren als Vorreiter in Sachen Frauenförderung. Bei vielen Unternehmen, etwa in der Automobilbranche, stellt die Sozialwissenschaftlerin Helga Ebeling jedoch eine noch immer vorwiegend männlich geprägte Arbeitskultur fest. Karriereförderung von Frauen, die inzwischen unter dem Label �Gender Diversity" läuft, treibe die Modernisierung des Human-Resource-Managements massiv voran. �Vieles wird in Frage gestellt", so Ebeling. �Da bleibt oft kein Stein auf dem anderen." Das schüre natürlich auch Ängste. �Best practice"-Beispiele sollen gegensteuern. Sie sind Teil der EU-Initiative �Women in Industrial Research - WIR", die sich um den Forschungsstandort Europa bemüht. Mit einem Frauenanteil von weniger als zehn Prozent in der industriellen Forschung zieht Deutschland den europäischen Durchschnitt kräftig nach unten. �Bei meinen Besuchen in Hochschulen gewinne ich immer wieder den Eindruck, daß Studentinnen den Karriereweg Forschung und Entwicklung in der Wirtschaft oft gar nicht erst als Möglichkeit für sich wahrnehmen", berichtet Ebeling, die das WIR-Projekt in der Europäischen Kommission in Brüssel leitet.

Eine strategische Allianz aus inzwischen 15 internationalen forschungsbasierten Unternehmen wie Airbus, Air Liquide, Rolls-Royce, Schlumberger und Siemens erarbeitet Ansätze und Schritte mit Vorbildcharakter, um positive Signale zu setzen. Entwickelt werden zum Beispiel Beschleunigungsprogramme, die Frauen schneller Führungspositionen erreichen lassen. Geplant ist auch die Finanzierung von Professuren durch die Unternehmen, um im Hochschulbereich �role models" zu installieren. �Wo klare Ziele definiert werden, lassen sich Fortschritte schneller erzielen", so Ebeling, die viele Jahre als Referatsleiterin für Frauen in Bildung und Forschung im Bundesforschungsministerium gearbeitet hat. �Aber die Initiative muß von der Unternehmensspitze ausgehen. Frauenförderung ist Vorstandssache."Quelle: www.faz.net Autor: Gundula Achterhold


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